Weiche von mir, (Sprichwort-)Teufel!
Herr Bünzli steht täglich an den Gleisen in Zürich und wartet auf den Zug, um
wieder nach Hause zu gelangen. Klingelt dann sein Natel, also dessen Handy,
überlegt er des öfteren nicht anzunehmen.
Sobald Detlef nämlich ein: Tagchen, Hi, Hallöchen oder Servus in die Ohrmuschel
flüstert, drehen sich wie angestochen sämtliche Schweizer in seiner näheren
Umgebung um und starren ihn an, als hätte er Pestbeulen und Fleckfieber.
Ebenso gut könnte Bünzli auf der Bahnhofstrasse am hellerlichten Tage die
Cordhose runter lassen und einen dreissig Zentimeter grossen Kackhaufen auf den
Trottoir setzen. Das hätte den gleichen Effekt…
Voller Grausen starrten sie ihn an, sobald er sich als Deutscher entlarvte.
Nachdem Bünzli kaum mehr als ein Wort gesprochen hatte, war der Umgebung
klar: “Aha, ein schiiss Dütscher!” Na klasse, darauf lässt sich was aufbauen…
Nun gut, nachdem nun langsam durchgesickert sein sollte, dass zwischen Mundart
und Hochdeutschem der ein oder andere Unterschied besteht, jeder Deutsche sofort
auffällt, sobald er den Mund öffnet, kann nun Detlef Bünzli davon berichten, wie
sehr doch manchmal unabsichtlich die Barriere zuschlägt.
Bünzli kommt aus einem gutbürgerlichen Elternhaus, während manch anderes Kind
auf dem Feld spielte, wurde Bünzli mit Büchern und anderer pseudo-intellektueller
Nahrung bereichert. Natürlich ist es auch in Deutschland nicht gross anders, denn
dort gibt es genügend Sprichwortabstinenz, vorab und zwischendurch möchte Detlef
also darauf hinweisen, dass das selbstverständlich keine Pauschalisierung sein soll,
aber mit Sprichwörtern haben es die Schweizer nun mal nicht so.
Auch wenn der eine oder andere Schweizer im stillen Kämmerlein ohne Zeugen
zugibt, dass die Deutschen, u.a. nicht so beliebt sind, weil sie den Schweizern in der
Sprache und in der Anwendung von Fremdwörtern, Sprichwörtern, im gesamten
Volumen und Repertoire an Wörtern überlegen sind, bzw. zu sein scheinen,
doch hochoffiziell möchte das kein Schweizer zugeben, dass dem so ist.
Redewendungen wie: “Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus”, “Morgenstund
hat Gold im Mund”, ”Aller Anfang ist schwer”, “Bescheidenheit ist eine Zier, doch
weiter kommt man ohne ihr”, usw. sollte so manch einer kennen.
Bünzli ist davon ausgegangen, dass zumindest die typischen Kalauer bekannt sein
sollten. Denkste!
Eine schöne, laue Sommernacht, Bünzli sass mit guten Bekannten, nein, nicht der
Bratwurst und dem Dosenbier, sondern wirklich seinen schweizer Bekannten in der
Beiz bei einer Stange. Ganz nach dem Motto: Eis hämmer no immer gno, lief eins
ums andere die trockene Kehle hinunter. Als sich Bünzli dann gerecht der Bünzli-
Manier gegen 23Uhr verabschiedete, weil er morgen gegen 7Uhr aufstehen wolle,
um etliches zu erledigen, erntete er ungläubige Blicke. Zum Samstag halb im
Dunkeln raus? Und dann kams: “Na klar, der frühe Vogel fängt den Wurm!”
Sie starrten Detlef an, als… ja… nun… hmm… seufz.
Wieder könnte man nun auf Pest und Fleckfieber verweisen und ebenso auch auf den
kurzen, sehr treffenden Vergleich mit dem Kackhaufen in der Bahnhofstrasse, aber
lassen wir das. Kaum ein paar Wochen später hatte sich Bünzli wieder einmal nicht
im Griff. Inmitten einer fröhlichen Runde am Mittagstisch posaunte Detlef, sich
keiner Schuld bewusst, passend auf einen Lobgesang über den schönen Tag ein:
“Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben!” raus, freute sich dabei wie ein
Schnitzel, dass nun endlich seine eigene Erziehung Früchte trage, um den anderen
zu zeigen, was er alles könne… Nein, natürlich nicht! Bünzli merkt nicht einmal,
dass er solche Sprichwörter verwendet, denn die sind bei ihm im täglichen
Sprachgebrauch enthalten. Er macht das nicht mit Absicht,
um dem Schweizer zu zeigen, was gutes Deutsch wäre, das könnte er wesentlich
leichter erreichen…
Aber natürlich erntete Detlef keinen Szenenapplaus für den tollen Spruch, nein, er
bekam zu hören, dass er doch endlich mal seine arroganten Sprüche sein lassen
solle! (Natürlich jetzt frei übersetzt, nicht in dem Wortlaut.)
Ohha, na prima. Sollte Bünzli jetzt darauf hinweisen, dass man solche Sprüchwörter
beherrschen sollte, wenn man behaupten möchte gutes Deutsch zu können oder,
dass man diese Sprüche durch vieles Lesen einfach unmerklich in sein Repertoire
aufnimmt? Aber eure Sache. Detlef kennt eben etliche Sprüche
und das ist auch gut so. Und irgendwie sollte es auch so sein, egal ob deutscher oder
schweizer Herkunft.
Doch Bünzli schwieg mal wieder und dachte nur grinsend bei sich:
“Jeder blamiert sich so gut er kann!”
Und da bekanntlich das Leben kein Wunschkonzert ist, nahm Detlef die
Begebenheit einfach hin und mit einem besonderen Schmunzeln wünscht Detlef
allen heute einen sonnigen Tag,
euer Herr Bünzli
P.S.: “Weiche von mir, (Sprichwort-) Teufel!, ist eine Anlehnung an das Sprichwort:
Weiche von mir, Satan!”