Buenzli's Blog

Auf der Suche nach der neuen Heimat

Herr Bünzli flippt aus… August 24, 2009

Einsortiert unter: Das tägliche Leben als Bünzli im Heidi-Land — Detlef Bünzli @ 7:17 vormittags
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Herr Bünzli flippt aus…

Ein Grillfest in der Schweiz.

Wie alle bereits feststellen konnten, ist Herr Bünzli ein ruhiger, beherrschter

Zeitgenosse. Es sieht regelmässig die Tagesschau, trinkt bei der Sportschau seine

Bierchen und liebt es seine Petunien auf dem Balkon zu hegen und zu

pflegen.  Er hat eine besondere Schwäche für die Gartenzwerge, die ihn an seine alte

Datsche erinnern und liebt es in Trainerhosen in die Volg einkaufen zu gehen…

Detlef war zum Grillieren eingeladen. Zum Sonntag. Nun gut, dachte er sich. Wird

sicherlich nicht zu spät. Liess also seine spiessbürgerlichen Ansichten über den

heiligen Sonntag und den folgenden Arbeitstag zu Hause, bereitete mit

Sorgfalt Nudelsalat, also Hörnlisalat, zu, wagte sich gar an die Backutensilien, um

noch ein Dessert in Kuchenform zu zaubern, schnappte sich für die hiesige

Frauenwelt einen seichten Perlensekt und fuhr etwas aufgeregt, aber doch

wohl gelaunt ins Schweizerische Klettgau. Bünzli stieg aus seinem Auto und wurde

sogleich von zehn Paar Augen gemustert und studiert. Detlef war wie immer

in solchen Momenten etwas verunsichert. Nicht wegen seiner Person, er sah gut

aus, hatte die Haare frisch frisiert, roch nach gutem Parfum, hatte sein bestes

kariertes Hemd, extra stark geplättet, angezogen…

Nun, nach etlichen Vorkommnissen in der Schweiz würde er sich lieber als

Schwuler oder “ähnlichem Fremden” outen, als ein Deutscher!

Also versuchte er besonders in grossen Runden seine wahre Identität zu

verschleiern. Nach etwa einer Stunde, nachdem Bünzli dauerlächelte, brav da sass,

an seinem Wasser nippte und so tat, als würde er jeden schweizerischen Satz mit

Genuss in sich aufsaugen, rutschte er beinahe erschrocken vom Stuhl, als man dann

auch endlich ihn ansprach. Woher er käme, war die Frage. Nein, warum fragen, wie

es ihm ginge, wie er heisse, nein, erst einmal das Fremde selektieren.

Wie gebannt starrten ihn nun wieder alle an.

Vorsichtig versuchte er zu erklären, dass er aus Sachsen-Anhalt, nein, nicht

Sachsen, kommt.

“Oh, aus der DDR.” -Ähm ja, aber das Land gibt es seit zwanzig Jahren nicht mehr.

“So, aus der DDR also.”

Ja, gut, also klar, es ist Ostdeutschland, aber die DDR gibt es nicht mehr.

Schweigen im Walde. Bünzli fragt sich in dem Moment, was hier eigentlich der

Schulstoff beinhaltet oder was die nun alle hier in dem Kreis für ein Bildungsniveau

hätten. Seine Gedanken wurden jäh zerrissen, als ein besonders Heller meinte, dass

man Detlef sehr schlecht verstehen würde und er immer erst im zweiten Anlauf

begreift, was Bünzli sagte. Aber nicht ganz so, wie die Ossis im

Fernsehen. Okayyyyyyyyyyyyyyyy… Na dann ists ja gut. Wuhääääääää?

Herr Bünzli legte seine Stirn in Falten und überlegte, ob er jetzt damit kontern sollte,

dass nicht alle Ostdeutschen einen derart bösen regionalen Einschlag in ihrer

Artikulation haben, wie die, die mittags bei den Talk-Shows auftreten und

Mandy, Sandy oder Ronny heissen, mit Kippe den ganzen Tag auf der Couch sitzen

und nichts tun. Detlef überlegte auch kurz, ob er den netten Herrn gegenüber darauf

hinweisen sollte, dass nicht er derjenige sei, den man schlecht verstünde, sondern

schliesslich hier die Mundart gesprochen wird. Eventuell könnte der junge Mann

mit gutem Willen etwas mehr Bücher auf Hochdeutsch lesen, dann würde er auch

die Sprache besser verstehen, aber Bünzli schwieg besonnen.

Detlef schüttelte innerlich unablässig den Kopf und überlegte eins ums andere nach

Hause zu fahren, aber die Blösse wollte er sich nicht geben. Der bereits erwähnte

besonders intelligente  Denker hatte sich anscheinend während der folgenden, sehr

ruhigen Stunde für Detlef etwas Neues ausgedacht.

“Wenn man im Zug durch die Zone (!) fährt, sieht man sofort, dass man in

Ostdeutschland ist.” Zone? Zoooone?

Detlef meinte, dass es nicht ganz so arg wäre, wie das der Spezie formulierte,

versuchte abzuwiegeln und schwieg wieder höflich. Erneuter Angriff: “Damals

wurden Milliarden (!) an Geldern nach Ostdeutschland geschickt und die Städte

wieder aufgebaut.” Milliarden? Wieder aufgebaut? Ach, war das so, ja? Sicherlich,

klingt in der Theorie alles schick.

Der hat wirklich das Wissen eines Yedi-Meisters und in einer ebenso unfreiwillig

komischen Satzbaustellung hat er Bünzli, dem Ossi, Licht ans Fahrrad gesteckt!

Danke für die Erleuchtung, Meister!

Ohne Sinn und Verstand, ohne je nur den Fuss in eine ostdeutsche Stadt gesetzt zu

haben, gab er nun allen seine Schlaubischlumpf- Kenntnisse preis. Schon bei dem

Wort “Ostdeutschland” schienen sich dem allwissenden Schweizer die Fussnägel

nach oben zu gräuseln, der blanke Ekel schauderte ihn offensichtlich und das

Entsetzen stand ihm augenscheinlich ins Gesicht geschrieben, dass er mit einem -

igittigitt- Ostdeutschen die Luft zum Leben teilen musste.

Herr Bünzli flippt aus... Halt doch endlich die Klappe! Und noch wesentlich

andere Dinge gingen Bünzli unablässig

durch den Kopf. Wohlerzogen und sicherlich auch einfach

nur höflich, hielt sich Detlef zurück.

Nachdem dieser XXX piepXXXX piep piiiiiiiiiiiiiiepXXX

auch noch allen erklärte, dass immer (!) ostdeutsche Schaffner im Turbo oder auf

den normalen Zügen seien und nie wüssten, was sie abzurechnen oder zu stempeln

haben, weil die Ostdeutschen ja keine Ahnung von Geographie hätten, besonders

nicht hier, überlegte sich Detlef kurz ihm einen abgeschlagenen Flaschenhals ins

Herz zu rammen.

Übrigens hat Bünzli während seiner drei Jahre regelmässigen Aufenthalts und seit

einem halben Jahr festen Wohnsitz in der Schweiz tatsächlich noch nie einen

ostdeutschen Schaffner im Zug getroffen!

Detlef entschied sich, nachdem er die lüsterne Idee mit der Flasche verwarf, jedoch

für ein paar lockere Bemerkungen: ob er so aggresiv sei, weil Mutti nicht pünktlich

das Essen gestern auf den Tisch stellte, oder, ob er an anderen Frustrationen und

Depressionen leide. Detlef fühlte sich wie Dr. Bruce Banner. Seine Halsschlagadern

pochten, die Hände zur Faust geballt, der Kiefer bebte, die Nackenhaare aufgestellt-

zum Kampf bereit mit hoch rotem Kopf. Beinah wäre der Hulk aus ihm gebrochen…

Wäre Bünzli eine Comic-Figur, hätte er im nächsten Bild einen pfeifenden

Wasserkessel als Kopf  und wieder im darauffolgenden Bild würde man ihn mit

einem explodierenden Kopf, als Sprechblase mit Blitzen und

“Wumms! Knall! Peng!” darstellen. Als Bünzli dann noch erzählte, nicht ihm,

sondern einer netten Tischnachbarin, die ein kleiner Bücherwurm zu sein schien,

dass er vor geraumer Zeit das Buch von Marco Leuenberger und Loretta

Seglias (die Herausgeber): “Versorgt und vergessen. Ehemalige Verdingkinder

erzählen.”,gelesen hatte, was ein tiefgängiges Werk ist, basiert auf

Faktensammlung und Zeitzeugenaussagen über einen traurigen Teil der Schweizer

Geschichte und von gegenüber zu hören war- deutlich zu hören- war: “Der liest?”

Da war es ganz aus… Wie eine schwarze Wand tat sich eine fassungslose Blockade

vor Detlef auf.

Er wusste nicht, ob er lachen oder weinen, schreien oder schweigen sollte.

Nur wenig später sah sich Detlef Bünzli in sein Auto steigen, schnappte sich vorher

seine Schüssel mit dem restlichen Hörnlisalat, die leere Kuchenbackform und fuhr

mit dem Wissen heim sicherlich das erste und das letzte Mal mit diesem

Menschen die gleiche Brise zum Leben geteilt zu haben.

Daher wünscht er allen einen luftigen Tag, frisch atmend und fröhlich gelaunt.

Euer Detlef Bünzli

 

 
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