Herr Bünzli flippt aus…
Ein Grillfest in der Schweiz.
Wie alle bereits feststellen konnten, ist Herr Bünzli ein ruhiger, beherrschter
Zeitgenosse. Es sieht regelmässig die Tagesschau, trinkt bei der Sportschau seine
Bierchen und liebt es seine Petunien auf dem Balkon zu hegen und zu
pflegen. Er hat eine besondere Schwäche für die Gartenzwerge, die ihn an seine alte
Datsche erinnern und liebt es in Trainerhosen in die Volg einkaufen zu gehen…
Detlef war zum Grillieren eingeladen. Zum Sonntag. Nun gut, dachte er sich. Wird
sicherlich nicht zu spät. Liess also seine spiessbürgerlichen Ansichten über den
heiligen Sonntag und den folgenden Arbeitstag zu Hause, bereitete mit
Sorgfalt Nudelsalat, also Hörnlisalat, zu, wagte sich gar an die Backutensilien, um
noch ein Dessert in Kuchenform zu zaubern, schnappte sich für die hiesige
Frauenwelt einen seichten Perlensekt und fuhr etwas aufgeregt, aber doch
wohl gelaunt ins Schweizerische Klettgau. Bünzli stieg aus seinem Auto und wurde
sogleich von zehn Paar Augen gemustert und studiert. Detlef war wie immer
in solchen Momenten etwas verunsichert. Nicht wegen seiner Person, er sah gut
aus, hatte die Haare frisch frisiert, roch nach gutem Parfum, hatte sein bestes
kariertes Hemd, extra stark geplättet, angezogen…
Nun, nach etlichen Vorkommnissen in der Schweiz würde er sich lieber als
Schwuler oder “ähnlichem Fremden” outen, als ein Deutscher!
Also versuchte er besonders in grossen Runden seine wahre Identität zu
verschleiern. Nach etwa einer Stunde, nachdem Bünzli dauerlächelte, brav da sass,
an seinem Wasser nippte und so tat, als würde er jeden schweizerischen Satz mit
Genuss in sich aufsaugen, rutschte er beinahe erschrocken vom Stuhl, als man dann
auch endlich ihn ansprach. Woher er käme, war die Frage. Nein, warum fragen, wie
es ihm ginge, wie er heisse, nein, erst einmal das Fremde selektieren.
Wie gebannt starrten ihn nun wieder alle an.
Vorsichtig versuchte er zu erklären, dass er aus Sachsen-Anhalt, nein, nicht
Sachsen, kommt.
“Oh, aus der DDR.” -Ähm ja, aber das Land gibt es seit zwanzig Jahren nicht mehr.
“So, aus der DDR also.”
Ja, gut, also klar, es ist Ostdeutschland, aber die DDR gibt es nicht mehr.
Schweigen im Walde. Bünzli fragt sich in dem Moment, was hier eigentlich der
Schulstoff beinhaltet oder was die nun alle hier in dem Kreis für ein Bildungsniveau
hätten. Seine Gedanken wurden jäh zerrissen, als ein besonders Heller meinte, dass
man Detlef sehr schlecht verstehen würde und er immer erst im zweiten Anlauf
begreift, was Bünzli sagte. Aber nicht ganz so, wie die Ossis im
Fernsehen. Okayyyyyyyyyyyyyyyy… Na dann ists ja gut. Wuhääääääää?
Herr Bünzli legte seine Stirn in Falten und überlegte, ob er jetzt damit kontern sollte,
dass nicht alle Ostdeutschen einen derart bösen regionalen Einschlag in ihrer
Artikulation haben, wie die, die mittags bei den Talk-Shows auftreten und
Mandy, Sandy oder Ronny heissen, mit Kippe den ganzen Tag auf der Couch sitzen
und nichts tun. Detlef überlegte auch kurz, ob er den netten Herrn gegenüber darauf
hinweisen sollte, dass nicht er derjenige sei, den man schlecht verstünde, sondern
schliesslich hier die Mundart gesprochen wird. Eventuell könnte der junge Mann
mit gutem Willen etwas mehr Bücher auf Hochdeutsch lesen, dann würde er auch
die Sprache besser verstehen, aber Bünzli schwieg besonnen.
Detlef schüttelte innerlich unablässig den Kopf und überlegte eins ums andere nach
Hause zu fahren, aber die Blösse wollte er sich nicht geben. Der bereits erwähnte
besonders intelligente Denker hatte sich anscheinend während der folgenden, sehr
ruhigen Stunde für Detlef etwas Neues ausgedacht.
“Wenn man im Zug durch die Zone (!) fährt, sieht man sofort, dass man in
Ostdeutschland ist.” Zone? Zoooone?
Detlef meinte, dass es nicht ganz so arg wäre, wie das der Spezie formulierte,
versuchte abzuwiegeln und schwieg wieder höflich. Erneuter Angriff: “Damals
wurden Milliarden (!) an Geldern nach Ostdeutschland geschickt und die Städte
wieder aufgebaut.” Milliarden? Wieder aufgebaut? Ach, war das so, ja? Sicherlich,
klingt in der Theorie alles schick.
Der hat wirklich das Wissen eines Yedi-Meisters und in einer ebenso unfreiwillig
komischen Satzbaustellung hat er Bünzli, dem Ossi, Licht ans Fahrrad gesteckt!
Danke für die Erleuchtung, Meister!
Ohne Sinn und Verstand, ohne je nur den Fuss in eine ostdeutsche Stadt gesetzt zu
haben, gab er nun allen seine Schlaubischlumpf- Kenntnisse preis. Schon bei dem
Wort “Ostdeutschland” schienen sich dem allwissenden Schweizer die Fussnägel
nach oben zu gräuseln, der blanke Ekel schauderte ihn offensichtlich und das
Entsetzen stand ihm augenscheinlich ins Gesicht geschrieben, dass er mit einem -
igittigitt- Ostdeutschen die Luft zum Leben teilen musste.
Halt doch endlich die Klappe! Und noch wesentlich
andere Dinge gingen Bünzli unablässig
durch den Kopf. Wohlerzogen und sicherlich auch einfach
nur höflich, hielt sich Detlef zurück.
Nachdem dieser XXX piepXXXX piep piiiiiiiiiiiiiiepXXX
auch noch allen erklärte, dass immer (!) ostdeutsche Schaffner im Turbo oder auf
den normalen Zügen seien und nie wüssten, was sie abzurechnen oder zu stempeln
haben, weil die Ostdeutschen ja keine Ahnung von Geographie hätten, besonders
nicht hier, überlegte sich Detlef kurz ihm einen abgeschlagenen Flaschenhals ins
Herz zu rammen.
Übrigens hat Bünzli während seiner drei Jahre regelmässigen Aufenthalts und seit
einem halben Jahr festen Wohnsitz in der Schweiz tatsächlich noch nie einen
ostdeutschen Schaffner im Zug getroffen!
Detlef entschied sich, nachdem er die lüsterne Idee mit der Flasche verwarf, jedoch
für ein paar lockere Bemerkungen: ob er so aggresiv sei, weil Mutti nicht pünktlich
das Essen gestern auf den Tisch stellte, oder, ob er an anderen Frustrationen und
Depressionen leide. Detlef fühlte sich wie Dr. Bruce Banner. Seine Halsschlagadern
pochten, die Hände zur Faust geballt, der Kiefer bebte, die Nackenhaare aufgestellt-
zum Kampf bereit mit hoch rotem Kopf. Beinah wäre der Hulk aus ihm gebrochen…
Wäre Bünzli eine Comic-Figur, hätte er im nächsten Bild einen pfeifenden
Wasserkessel als Kopf und wieder im darauffolgenden Bild würde man ihn mit
einem explodierenden Kopf, als Sprechblase mit Blitzen und
“Wumms! Knall! Peng!” darstellen. Als Bünzli dann noch erzählte, nicht ihm,
sondern einer netten Tischnachbarin, die ein kleiner Bücherwurm zu sein schien,
dass er vor geraumer Zeit das Buch von Marco Leuenberger und Loretta
Seglias (die Herausgeber): “Versorgt und vergessen. Ehemalige Verdingkinder
erzählen.”,gelesen hatte, was ein tiefgängiges Werk ist, basiert auf
Faktensammlung und Zeitzeugenaussagen über einen traurigen Teil der Schweizer
Geschichte und von gegenüber zu hören war- deutlich zu hören- war: “Der liest?”
Da war es ganz aus… Wie eine schwarze Wand tat sich eine fassungslose Blockade
vor Detlef auf.
Er wusste nicht, ob er lachen oder weinen, schreien oder schweigen sollte.
Nur wenig später sah sich Detlef Bünzli in sein Auto steigen, schnappte sich vorher
seine Schüssel mit dem restlichen Hörnlisalat, die leere Kuchenbackform und fuhr
mit dem Wissen heim sicherlich das erste und das letzte Mal mit diesem
Menschen die gleiche Brise zum Leben geteilt zu haben.
Daher wünscht er allen einen luftigen Tag, frisch atmend und fröhlich gelaunt.
Euer Detlef Bünzli