Schweizer Gründlichkeit
Schweizer sind von Natur aus sehr gründlich. Nicht nur, im wahrsten Sinne des
Wortes, an ihrem Wasch- und Putzfimmel erkennbar, geschweige denn an ihrem
Äusseren, worauf sie besonderen Wert legen, eventuell um das eine oder
andere Manko zu vertuschen, aber das ist ein anderes Kapitel…
Zurück zur Gründlichkeit: alles wird, siehe dem Bild links vom
Text, in einer unglaublichen Akribie ausgeschildert, angezeigt und
ausgeführt! Herr Bünzli vermutet dahinter die Ruhe, des Schweizers an
sich. Bereits im Verkehrsamt scheint der Schweizer im Allgemeinen da zu sitzen,
sein Gipfeli mit Ovo zu geniessen und sich dann mal in Ruhe zu überlegen, was
denn heute so alles erledigt, oder eher besser, getan werden könnte. Natürlich nicht
von 12 bis 14Uhr, denn da ist meistens “Siesta Svizzera” angesagt.
Diese Gründlichkeit durch kreuzt doch immer wieder Bünzlis Weg. Auf dem
Migrationsamt, bei der Krankenversicherung, am Arbeitsplatz, in der Freizeit eh und
nun auch noch von einem Bekannten des Herrn Bünzli bestätigt. Detlef Bünzli hat,
wie die Vorurteile es auch gern mal unterstreichen, hier und da den einen
oder anderen Landsmann als Bekannten. Nein, nicht um die Schweiz von innen
raus zu demolieren und demoralisieren, sondern weil es nun mal so ist: ein
Deutscher findet den anderen Deutschen- glasklar basiert auf Fakten, schweizer
Fakten. Detlef möchte euch nun eine kurze Geschichte von Herrn Jens-Uwe
Schwabe berichten. Jens-Uwe Schwabe heisst natürlich jeder dritte Deutsche,
denn prinzipiell sind ja auch alle Deutschen Schwaben, egal, ob sie plattdeutsch
oder sächsisch plappern. Es war ein schöner Tag, als Jens-Uwe den Zoll passierte.
Sein Auto war vollgepfropft mit Umzugsgut. Er hatte absichtlich nur den PKW
genommen, seine alten Möbel verkauft, um den Neuanfang hier richtig auskosten zu
können, besonders in den preisgünstigen schweizer Möbelhäusern, man gönnt der
Wirtschaft ja sonst nichts.
Nach acht Stunden Fahrt und einem ätzenden Stau, wie immer bei Stuttgart, bog
Jens-Uwe in die Strasse seiner neuen Bleibe ein. Jens-Uwe war glücklich. Der junge
Herr Schwabe war nun angekommen, nahm den Schlüssel entgegen und wollte sich
daran machen sein Auto auszuladen. Doch dann geschah es: ein alter schweizer
Herr mit deutlich zu viel Langeweile und guter schweizer Gründlichkeit kam
meckernd und zeternd auf ihn zugestürmt. Jens-Uwe war völlig perplex und
konnte kein Wort verstehen. Der überforderte Schwabe machte ihn darauf
aufmerksam, dass er Deutscher sei und nur schlecht verstünde, was er, der alte
schimpfende Haudegen, von sich gab! Kurz von seinem Redefluss gebremst, starrte
der Herr auf Jens-Uwes Kennzeichen, dann gings weiter.
Mit vielem guten Willen versuchte Herr Schwabe zu verstehen… Aha… ähem… ach
so… ja… äääähhhh… Äxgüsi!
Nun also folgende Problematik: Jens-Uwe Schwabe war noch nie zuvor dort, nur
kurz zum Bewerbungsgespräch und um die Wohnung zu besichtigen. Jedoch hätte er
sich einen Anwohnerausweis zum Parkieren für seinen PKW bestellen müssen.
Das hätte ihn nur ein paar Franken gekostet und zwei, drei Wochen gedauert. Weiss
doch jedes Kind! Was er natürlich aus Böswillen nicht tat. Abgesehen davon waren
die Parkplätze allesamt belegt, also wagte es Jens-Uwe mit seiner
deutschen Verfrorenheit das Auto auf einem Besucherparkplatz abzustellen! Das
geht doch nicht! Eine Dreistigkeit! Unmöglich, immer diese Deutschen. Natürlich.
Jens-Uwe versuchte dem gackernden Alten zu erklären, dass ihm garmnichts
anderes übrig blieb, als dort zu parken, um sein Auto zu entladen, denn er läuft
garantiert nicht drei Blöcke weit, um der schweizer Gründlichkeit nachzukommen,
indem er ordnungsgemäss parkiert. Der alte Herr drohte mit Polizei und
Abschleppwagen. Nachdem er Jens-Uwe während des ganzen Ausräumens
bösartig belegte und ihn immer wieder auf die rechte Bahn des Lebens und des
Gesetzes lenken wollte, hatte Jens-Uwe kaum noch Nerven.
Sein Abschiedsgruss an den Herrn lautete: “Bitte tun Sie sich keinen Zwang, rufen
Sie die Polizei, und Sie können Sie auch gleich für morgen bestellen und
übermorgen, denn auch dann werde ich dort parken!”
Heute wohnte Jens-Uwe noch immer dort, mit Anwohnerausweis
zum Parkieren, grüsst den alten Herrn jeden Tag aufs Freundlichste, wenn der mit
seinem scheppernd lauten Radio von früh bis spät- übrigens gegen das Gesetz-
die ganze Wohnanlage mit seiner Volksmusik gruusig quält!
An dieser Stelle ein freundlichstes Grüezi von Jens-Uwe Schwabe und mir,
Detlef Bünzli