Zucken im Auge…
Ja, da ist er wieder.
Herr Bünzli musste sich eine kurze Auszeit nehmen. Nein, er ist nicht im Urlaub
gewesen, nein, natürlich war er auch nicht unter Arbeit begraben, denn das sind ja
die Deutschen nie- so zumindest laut der Wirtschaftsbeilage einer bekannten
Schweizer Tageszeitung, wobei Deutschland immerhin im Ranking der attraktivsten
wirtschaftlichen Standorte angestiegen ist- Schmach und Schande und natürlich
etliche Artikel, oder von Detlef bezeichnet als Lückenfüller, wert. Nein, ganz anders,
Detlef Bünzli erlitt schwere Krämpfe, war tagelang ausser Gefecht gesetzt und
konnte weder Hand, noch Fuss bewegen. Anfangs mit einem Kopfschütteln, später
immer mehr mit Tränen, Atemnot und Schmerzen in der Bauchgegend gestraft, was
momentan noch fiesen Muskelkater und ein leichtes Augenzucken zur Folge hat,
richtig, Detlef konnte nicht schreiben, weil er gefesselt, gespannt und voller
Erwartung am und im Buch von Bruno Ziauddin klebte. Am liebsten würde sich
Detlef jede einzelne Seite fein säuberlich, nach Bünzli- Manier, im Bilderrahmen
über die Kakteensammlung hängen, aber dazu ist seine übersichtliche
Blockwohnung zu klein. Liebe deutsche Freunde, lest doch bitte, bitte ”Grüezi
Gummihälse- Warum uns die Deutschen manchmal auf die Nerven gehen”. Ich
preise Bruno Ziauddin, den Meister der Beobachtung, sehr schön.Köstlich hat sich
Detlef amüsiert, wirklich köstlich. Dazu Folgendes vom Guru persönlich:
“Natürlich habe ich für dieses Büchlein mit zahlreichen Menschen gesprochen, mit
Schweizern und, im Sinne einer ausgewogenen Berichterstattung, auch mit ein paar
Deutschen.”
Der Anlass für diese umfangreichen Recherchen ist eine Besorgnis erregende
Entwicklung, die in unserem Land zurzeit für mehr Schlagzeilen sorgt, als der
drohende Einbruch der Konjunktur, der unaufhaltsame Sinkflug der SVP oder die
zahlreichen Unfälle in der Schweizer Armee: Wir Schweizer fühlen uns von den
Deutschen immer stärker bedrängt. Und so hat sich Bruno Ziauddin, Journalist bei
der Weltwoche, aufgemacht, diesem Phänomen auf den Grund zu gehen und die
Gründe für die progressiv wachsenden Feindseligkeiten sorgfältig aufzuarbeiten.
Er tut dies mit einem reichen Repertoire journalistischer und wissenschaftlicher
Stilmittel: Er identifiziert die sprachlichen Unterschiede (“Wie sagt man furzen auf
Hochdeutsch?”), porträtiert seinen betroffenen Freund Roman (“Er hat in Berlin
einem prominenten germanischen Grossmaul ebendieses gestopft.”) und stellt –
ganz Journalist – seine sehr persönlichen Erlebnisse in den Mittelpunkt: “Ich
entsinne mich noch vage daran, wie ich in einem Konstanzer Lokal, das irgendwie
düsterer war als das, was ich von der Schweiz her kannte, ein Getränk vorgesetzt
bekam, das wie Cola aussah, aber zu meiner Enttäuschung überhaupt nicht wie Cola
schmeckte.” Selbstverständlich fehlt auch die differenzierte Beschreibung der
deutschen Persönlichkeitsstruktur nicht: “Sie kommen in Scharen, sprechen laut
und wissen alles besser.”
Zur Verteidigung des armen Bruno Ziauddin darf immerhin festgehalten werden,
dass er bei weitem nicht der einzige ist, für den die vergangenen Fussball-
Europameisterschaften in der Schweiz und in Österreich sowie die Angst, dass die
Deutschen erfolgreich abschneiden könnten, als umfassendes Marketingkonzept für
ein bestechendes Konsumgut herhalten mussten. Allerdings: Das Turnier ist
mittlerweile Vergangenheit, und trotz Finaleinzug der Deutschen waren in der
Schweiz so gut wie keine Ressentiments spürbar. Viel Wind um nichts also. Oder um
es auf dem sprachlichen Niveau des Büchleins auszudrücken: Schweizerdeutsch
gefurzt. Wobei bei aller Kritik nicht unbedingt zu folgern ist, ein seichtes Blabla
beziehungsweise ein unstrukturiertes Aneinanderreihen von Klischees und
Belanglosigkeiten könne mitunter nicht auch unterhalten. Auf den gut zweihundert
Seiten gibt es durchaus einige Stellen, die einen schmunzeln lassen können. Einige
wenige.
(usw., Quelle darunter folgend:)
http://www.rezensionen.ch/buchbesprechungen/schweizer_deutsche/3499624036.html
Die verschiedenen Beurteilungen und Rezensionen beinhalten von der nichts-
sagenden Mentalitätsstudie, über dreiste und völlig anti- faktische Zustimmungen,
über dusslige Anti- Kommentare und abnormale verbale Entgleisungen, die des
Erwähnens eigentlich nicht wert sein sollten, wirklich alles… Obwohl das bitte
bloss keiner Werbung gleich kommen soll, aber bitte, wer richtig ablachen will und
lange kein Zucken mehr im unteren Augenrand verspürt hat-
los gehts, Gummihälse!
Bünzli selbst ist noch immer am Abwägen anhand seiner Pro-und Kontra- Liste,
welchem Typus der Deutschen er nun entspricht. Er selbst sieht sich
selbstverständlich als der Schwer-in-Ordnung-Deutsche, gehört aber vermutlich und
augenscheinlich den Ruckzuck-Zackzack-Preussen oder dem Perwoll-Deutschen an,
ganz gemeine Mischung. Was will uns der Autor eigentlich damit sagen?
“Geh nach Hause, du alte Scheisse?” oder hat er sich den guten deutschen Spruch
angenommen: “Aus Scheisse Gold machen?” Also verzeihen Sie bitte, wie hätten Sie
es denn nun gern, unangepasst deutsch oder in kuschelweich Ausgabe angepasst
und schnurrend wollig… Wie nun, bitte, Herr Ziauddin?
Noch immer verwirrt, ist Bünzli weiterhin dazu geneigt für das Recht der Deutschen
hier zu kämpfen, der Detlef ist nicht in der Schweiz, um jemanden zu ärgern, keine
Arbeitsstelle bösartig weg zu schnappen oder anderes, sondern die Lücken zu
schliessen, die durch ein nachlässiges politisches und wirtschaftliches System, vor
allem dem Bildungssystem, entstanden sind.
Sehr passend, unpassend dazu, sind die letzten Tage die Wände der Universität
Zürich mit Graffiti verschändelt worden, ein Angriff (auch) auf das Bildungssystem.
Bünzli kann und wird solche Tat nicht gut heissen, aber es spricht dafür, dass nicht
alles Gold ist, was glänzt.
Zum Schluss bleibt Detlef zu sagen, dass ihr immer daran denken möget: “Drei Tage
nicht gelesen, und das Gespräch wird schal.” Lest den Bruno und ihr bekommt gratis
ein paar hilfreiche Tipps als Deutsche in der Schweiz… also nicht ganz gratis, aber
zumindest umsonst.
Ein Grinsen am Abend,
Detlef Bünzli

