So… so… deutsch… das ist also eine Charaktereigenschaft?
Bünzli weiss heute gar nicht so richtig, wie er beginnen soll zu berichten, seltsame
Tage liegen hinter ihm. Die Milch ist inzwischen ein paar Rappen teurer, da
vermutlich selbst die Kühe beim aufkommenden Herbst erste Depressionen
schieben, die eingekauften Eier liess Detlef im Prozedere des Packens an der Kasse
zurück- der Klassiker. Im Zug wie immer das innerliche Kopfschütteln über
sinnloses: „Isch da frei?“ und die Gespräche quer durchs Abteil oder am Natel. Und
noch immer versucht Bünzli das Rätsel zu knacken, warum die Leute, die gerade
zugestiegen sind immer durchlaufen und sich nicht gleich auf die freien Plätze
begeben, nicht erst in der Mitte vom Waggon alles versperren, sich verblüfft
ansehen, um entgegen weiter zu drängeln, sich nach einem „Isch da frei?“ dann
endlich niederlassen, wo sie sich das ganze pöbelnde Geschubse erspart hätten, aber
was sollte sonst Detlef geniessen, wenn nicht das Alltägliche im Zug.
Eigentlich wollte Detlef heute davon berichten, dass es natürlich auch die andere
Seite gibt…
Da bereits so passend das Thema Tram und Zug Programm war, wird nun Bünzli
ganz persönlich von einem gestrigen Erlebnis berichten, dass sich so und nicht
anders zugeeignet hat. Relativ selten und das muss man wirklich der SBB
zugestehen, kommen die Züge verspätet. Ganz ehrlich und ein gewisser Neid
kommt da sicherlich in jedem deutschen Bahnangestellten hoch, aber die Schweizer
Züge sind relativ pünktlich. Relativ ist natürlich hier relativ zu sehen…
Aber wie es so ist, wenn Murpheys Gesetz zuschlägt, dann hat man gerade weder
zeitliche Flexibilität, noch spontane Einfälle, um sich zu retten, daher sitzt man mit
einem Gesicht geballt zur Faust im Zug und wartet, weil wieder einmal einer der
Generation Smirnoff seinen Bass auf den Ohren nicht laut genug haben kann
und nicht die strenge Ansage vom Onkel Zugfahrer hört, dass er doch bitte einen
Meter bei Seite treten möge, um die Türe und so auch alle anderen, schliessen zu
können. Falls manch Jugendlicher noch einen Meter abzuschätzen wisse. Also sass
Bünzli da, wie der Affe auf dem Schleifstein, schon wieder parat, um den Hulk zu
machen. Nach gefühlten zehn, tatsächlichen fünf Minuten ging es weiter. Prima.
Klasse. Wirklich toll. Da Detlef, ganz seiner deutschen Rolle treu, so viel Ahnung
vom aktiven Sport hat, wie ein Meerschwein vom Stabhochsprung, sah er bereits
jetzt seinen Zug, den er dringend erreichen musste, vor seiner Nase abfahren.
Japsend, keuchend, die Lunge zwischen den Kniekehlen, die Hose ebenfalls auf
Toiliettengang eingerichtet, Haare triefend nass und Achseln parat auf
Schweissfleckenalarm. So flitzte unser armer Detlef quer durch von Gleis 18 bis zum
Gleis 52 binnen drei Minuten und wer sich am Hauptbahnhof Zürich auskennt,
weiss, dass das kein Sprint wert sein sollte.
Aber man glaube es kaum, der dicke Deutsche sorgte sicherlich für Gelächter, aber
kam dann doch noch im Zug an. Allerdings war er hoch rot angelaufen und bekam
kaum noch Luft. Eine nette Dame sass neben ihm und sein elendes Gehuste tat ihm
für sie ehrlich leid. Auf einmal passierte es… damit konnte er nicht rechnen.
Die Frau neben ihm reichte ihm eine Packung Ricola entgegen und deutete ihm eins
zu nehmen, damit er nicht mehr einen solchen trockenen Hals habe. Na bitte, es
geht doch, doch noch etwas Leben hier.
Detlef war ehrlich gerührt, das fand der Bünzli klasse, so eine nette Dame. Sie fuhr
gerade ihre Enkel von der Schule abholen, aber sonst wäre sie die restliche Woche
im Garten. Detlef berichtete ihr dann davon, wieso der schlimme Husten ihn so
übermannte und, dass er doch so dringend den Zug erreichen musste und und
und… Eine sehr nette Unterhaltung. Plötzlich meinte die Dame, dass Bünzli ein sehr
schönes Deutsch sprechen würde und wo er her käme. Sie war ganz erstaunt und
berichtete, dass ihre Kinder auch schon in Dresden und in Leipzig waren und eine
Freundin von ihre käme aus Thüringen, wobei sie nicht genau wisse,
wo das wäre. Sie war dem Bünzli sehr sympathisch. So interessiert. So lieb. So
aufgeschlossen. Aber dann kam´s…
Sie sagte, dass sie Italienerin sei. Ahaa!!! Nun war es geschehen, all das Gute, all
das Nette, all das Offene und Freundliche, alles wollte der Bünzli schon und bereits
den anderen Schweizern zuschreiben. Denen, die nicht stetig auf Deutschen rum
hacken, aber da war die grosse Chance dahin und als er abends dann mit Janine-
Jacqueline und ihrem Freund Steve bei einer Stange in der Beiz sass und ihm
folgende Geschichte erzählt wurde, war der Käse wieder rund, der Drops gelutscht,
das Klischee doch wieder passend… Die Janine-Jacqueline und ihr Steve,
heimatlich „Schtief“ gesprochen, stammen aus dem beschaulichen Sachsen, ein
friedliches Völkchen, wenn nicht gerade Lok Leipzig gegen Aue oder Dresden
im Fussball aufeinander trifft. Die Beiden sind mit ihren Kindern, zwei niedlichen
Gören, seit ein paar Jahren hier. Die Mädchen sprechen besser Schweizerdeutsch,
als Deutsch im Mischmasch mit Sächsisch, wobei man nun nicht weiss, ob dies
positiver oder eher negativer Bewertung sei.
Janine-Jacqueline ist eine rührende Mutter, das geborene Muttertier und hat
obendrein noch Spass dabei. Erstaunlich und ganz toll. Super toll. Von Beruf Mutter,
das macht nicht jede mit. Als sie die beiden Zwerge von der Schule abholen wollte,
sass der kleine Ueli vor der Turnhalle, ein kleiner weinender Trauerkloss. Die
Lehrerin hat ihn im wahrsten Sinne des Wortes an die frische Luft gesetzt, um der
Blässe und dem aufkommenden Grün im Gesicht entgegen zu wirken. Der Kleine
schaute sie total verängstigt und mit Tränen überlaufen an, seine Mama und auch
die Oma wären nicht erreichbar und er hatte sich im Sportunterricht so schwer den
Finger geklemmt und gequetscht, dass der halbe Nagel weg und dafür umso mehr
Blut da war. Nachdem sich nun auch mal wieder die Frau Lehrerin dazu bequemte
nach dem Bub zu schauen, sagte Janine-Jacqueline, dass sie schnell ihre Mädchen
holen und dann den weinenden Ueli nach Hause fahren würde, da der Junge eh
schräg gegenüber wohnen würde. Also packte sie des Jungen Sachen, Rucksack,
Sportsachen, usw. schnappte sich den weinenden Fratz, inklusive zweier
angewiderter Prinzessinnen und fuhr heim. Bei Ueli angekommen, konnte der
schon wieder frei atmen und pumpte auch nicht mehr wie ein Maikäfer, der auf dem
Rücken lag… Janine-Jacqueline, ihres Zeichens Übermutter und nach Helga
Beimer, zweite Glugge deutscher Nation, brachte ihn zur Tür, stellte sich der Mama
vor und erzählte grob, was geschehen war.
Oh, aha, ja, sie wisse schon bescheid, denn die Sportlehrerin habe sie erreicht und
sie meinte bereits, dass eine deutsche Frau ihren Sohn heim bringen würde. Ende
der Geschichte. Kein Danke. Kein super toll.
Kein, ach, was auch immer, das sich Janine-Jacqueline erwartet hatte.
Sie stellte gestern, fast tief traurig, fest, dass sie nicht angekündigt wurde, als die
Mama der Beiden süssen Mäuse, die gegenüber wohnen, oder als die Mama, die sich
immer so viel für die Kinder einsetzt, oder als die Mama, die Pyjama-Parties für die
ganze Klasse gibt und sich obendrein noch am Nachmittag mit drei weiteren
Kindern zusammen setzt und denen im Deutschunterricht hilft… Sie wurde nicht
beschrieben, als die Mama mit dem langen blonden Haar, dem noch recht schicken
Aussehen oder als die Mama, die immer so nett bei den Elternabenden ist und
jegliche Arbeit für Grillfeste und anderes übernimmt. Jene Mama, die so
aufgeschlossen und lieb ist und immer ein offenes Ohr für alle Wehwehchen hat.
Neeeeeiiiin, sie wurde beschrieben, als die Deutsche. Die deutsche Frau.
So… so… deutsch. Das ist also eine Charaktereigenschaft, oder?
Das zeichnet sie und all die anderen aus. Schön. Klasse. Super toll. Ohne Worte.
Da musste sogar unser Bünzli tief durch atmen.
Also, besinnt euch an dem ausklingenden Abend auf eure Charaktereigenschaften,
fernab woher ihr stammt und wo ihr lebt, denn nur das Innere zählt.
Einen moralischen Gruss zum Abend,
Detlef Bünzli
